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Darstellung der Organspendesituation in Deutschland incl. Bewertung und Forderung

I Sachstand

In Deutschland sterben jedes Jahr ca. 1.100 Patienten auf der Warteliste für eine Organspende.

Die Warteliste umfasst ca. 10.000 Menschen, Jung und Alt, Kinder, Väter, Mütter, Enkel, Omas, Kraftfahrer, Manager, Beamte und Arbeitslose. Von den 10.000 warten ca. 8.000 auf eine Niere, ca. 2.000 warten auf Herz, Leber, Lungen, Bauchspeicheldrüse.

Die Wartezeit auf eine Niere beträgt mittlerweile ca. 8 Jahre, auf eine Leber ca. 1,3 Jahre, auf ein Herz ca. 2,4 Jahre, auf Lungen ca. 1,2 Jahre.

Für Menschen mit Nierenversagen gibt es eine dauerhafte Ersatzlösung: die Dialyse. In Deutschland benötigen ca. 85.000 Menschen (> 0,1% der Bevölkerung) diese Form der Nierenersatztherapie.

Dialysekosten

Die jährlichen Kosten für einen Dialysepatienten betragen ca. € 30.000 bis 35.000, demzufolge die jährlichen Kosten für Dialyse ca. € 2,76 Mrd. Eine Nierentransplantation kostet ca. € 14.000 bis € 55.000 (je nach Quelle), arithmetisches Mittel ca. € 34.000. Theoretisch könnten also für die ca. 8.000 auf eine Niere Wartenden bei einer Reduktion der Wartezeit von z.Zt. 8 Jahren auf 1 Jahr (z.B.) Dialysekosten von ca. € 1,8 Mrd. eingespart werden. (8.000 Patienten x € 32.500 Jahresdialysekosten x 7 Jahre).

Für alle anderen, die auf ein anderes Organ warten, heißt es entweder rechtzeitig eine Organspende zu erhalten oder zu sterben.

 

Wer kann spenden?

Es gibt Lebendspenden und postmortale Spenden.

Lebendspenden

Von bestimmten Verwandten ersten Grades kann eine Niere oder ein Leberlappen gespendet werden. Alle anderen Organe werden postmortal gespendet.

 

Was bedeutet „postmortale Spende“ in Deutschland?

Eine postmortale Organspende wird verunfallten oder sehr kranken Patienten entnommen, die einen unumkehrbaren Hirnfunktionsausfall (früher „Hirntod“) erlitten haben. Dieser unumkehrbare Hirnfunktionsausfall wird von zwei speziell qualifizierten Ärzten, unabhängig voneinander, aufgrund eines sehr detaillierten Protokolls (Definition durch Bundesärztekammer) festgestellt. Zusätzlich muss dieser Patient zu Lebzeiten einen Organspendeausweis ausgefüllt haben und/ oder seine Angehörigen entsprechend informiert haben. Die Angehörigen können und sollen im Fall des unumkehrbaren Hirnfunktionsausfalls auch den mutmaßlichen Willen des Hirntoten bezogen auf eine Organspende gegenüber den Ärzten erklären, d.h. ohne Vorliegen eines Organspendeausweises können auch die Angehörigen einer Organspende zustimmen oder diese verweigern. Dieser Weg der Zustimmung ist im deutschen Transplantationsgesetz als „erweiterte Zustimmungslösung“ definiert.

 

Was sind die Gründe für die o.g. langen Wartezeiten auf eine Organspende in Deutschland?

Es gibt einen Wert, der die Organspendebereitschaft einer Bevölkerung beschreibt: die Anzahl der Organspender pro 1 Million Einwohner. Der Wert für Deutschland ist über die Jahre immer weiter gesunken und liegt in Deutschland für 2017 bei 9,3, so niedrig wie noch nie.

Zum Vergleich Zahlen für 2017: In Spanien lag dieser Wert bei über 40, in Kroatien lag er bei 31,8, in Belgien bei 30,6, in Österreich bei 23,5, in den Niederlanden bei 14,3.

 

Diese unglaublich niedrige Spenderzahl hat fatale Folgen für die Menschen auf der Warteliste: Sie warteten bei uns im Durchschnitt acht Jahre eine Niere, in Österreich hingegen nur 18 Monate, in Spanien sogar nur zwölf Monate!

Aus welchen Gründen gibt es diese Unterschiede bei den Wartezeiten? Alle genannten Länder sind vom medizinischen Standard mit Deutschland vergleichbar.

 

Nun, vergleichen wir den Tabellenführer Spanien mit dem Tabellenletzten Deutschland: Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen Spanien und Deutschland das Transplantationswesen betreffend:

  1. 1) Spanien hat mit der Gründung der Organización Nacional des Trasplantes (ONT) sein Transplantationswesen zentralisiert und verstaatlicht. 
  2. Die ONT untersteht dem Gesundheitsministerium und ist für die Spendererkennung, Spenderbehandlung, Gesprächsführung mit den Angehörigen und der Organisation aller für die Organspende relevanten Abläufe zuständig. In Spanien führt man die hohe Zahl der Organspenden insbesondere auf den Einsatz hauptamtlicher Transplantationskoordinatoren zurück. Dies sind speziell geschulte Intensivmediziner, die die Aufgabe haben, potenzielle Spender ausfindig zu machen und Gespräche mit den Angehörigen zu führen.
  3.  
  4. 2) In Spanien gilt die sog. Widerspruchslösung, d.h., jeder ist dort automatisch Organspender, außer er/ sie widerspricht ausdrücklich durch Eintrag in einem Register.
  5.  

Zu 1) Schauen wir zunächst auf die Transplantationskoordinatoren, die es in Deutschland in den Entnahmekrankenhäusern auch gibt, in Deutschland heißen sie Transplantationsbeauftragte. In der Regel sind sie weder freigestellt noch sind ihre Aufgaben und Kompetenzen abschließend beschrieben. Sie sollen sich halt „kümmern“. Es gibt nicht wenige von ihnen, die zu dieser Rolle gekommen sind wie die Jungfrau zum Kind. In der Realität haben sie etliche andere Aufgaben, zusätzlich sollen sie sich halt darum kümmern, potenzielle Organspender (auf den Intensivstationen der sog. „Entnahmekrankenhäuser) zu identifizieren.

Darüber hinaus ist das Transplantationswesen in Deutschland weder verstaatlich noch zentralisiert. In Deutschland sind die Entnahmekrankenhäuser in privater, kommunaler und bundesländischer Trägerschaft. Erschwerend kommt hinzu, dass es über das moralisch-ethische hinaus so gut wie keinen Anreiz für ein Krankenhaus gibt, potenzielle Organspender zu erkennen. Es gibt in Deutschland allerdings eine rühmliche Ausnahme: Seit dem 1.1.2017 sind die Transplantationskoordinatoren in bayerischen Entnahmekrankenhäusern genau für diese Aufgabe freigestellt. Bayern ist das einzige Bundesland, in dem die Organspenden 2017 gestiegen sind, und zwar um 18%.

Es gibt einen kleinen Lichtblick für die Zukunft, den Punkt 1 betreffend: Er findet sich im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD in den Zeilen 4640 bis 4642: „Wir wollen die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die Organentnahme wird höher vergütet.“

 

Wird eine solche Lösung, wann immer sie umgesetzt werden wird, das Problem lösen?

Nein!

 

Zu 2) In mittlerweile 18 Ländern Europas gilt die Widerspruchslösung. Nur noch in Deutschland, Rumänien, Dänemark, Litauen, Großbritannien und in der Schweiz gilt die Zustimmungslösung. Frankreich hat 2017 die Einführung der Widerspruchslösung beschlossen, die Niederlande haben dies im Februar 2018 beschlossen. Begründung: Verringerung der Wartezeiten auf ein Organ.

Aus welchen Gründen wird die Widerspruchslösung in Deutschland nicht eingeführt?

 

Es folgen ein paar Auszüge von Begründungen der gesundheitspolitsuchen Sprecher der Bundestagsfraktionen gegen die Widerspruchslösung:

 

Christine Aschenberg-Dugnus, FDP: „…Ich bin jedoch der Auffassung, dass – wie in meinem Interview geäußert – jeder selbst entscheiden soll, ob er seine Organe spendet oder nicht. Ich stimme Ihnen zu: Auch bei der Widerspruchslösung trifft eine Person eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende. Der für mich gravierende Unterschied liegt aber darin, dass die Widerspruchslösung dann letztlich auch von der Passivität der Menschen abhängt. Bei einer solchen Entscheidung Organe zu spenden oder nicht, sollte jedoch eine aktive Entscheidung im Vordergrund stehen. …„

 

Kirsten Kappert-Gonther, Grüne:

„…Ich halte das Selbstbestimmungsrecht für zentral, wenn es um medizinische Eingriffe geht – auch am Lebensende. Die Widerspruchslösung ist ein erheblicher Eingriff in dieses Selbstbestimmungsrecht. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass sich bei Einführung der Widerspruchslösung automatisch alle Menschen mit dem Thema Organspende und den mit einer Spende verbundenen Folgen auseinandersetzen. Die Widerspruchslösung – so ehrlich sollte man sein – setzt zu einem Großteil auch auf die Unwissenheit und Passivität der Menschen. Nicht umsonst gilt Schweigen schon im üblichen Rechtsverkehr nur in seltenen Fällen als Zustimmung….“

 

Harald Weinberg, Die LINKE:

„…Vor diesem Hintergrund [jahrzehntelange Dialyse des Bruders; Mario Rosa-Bian] habe ich mich auch seinerzeit im Rahmen der neuen gesetzlichen Regelung für eine Widerspruchslösung eingesetzt. Da waren wir nur so weit von einer parlamentarischen Mehrheit entfernt, dass ich dann – als zweitbeste Variante – für eine Regelung eingetreten bin, die Transparenz, Vertrauen und die Lösung der organisatorischen Engpässe ins Zentrum stellt. Nach meinem Eindruck hat sich an den Mehrheitsverhältnissen kaum etwas verändert. Natürlich steht es dem Kollegen Lauterbach frei, die Widerspruchslösung erneut in die Debatte zu bringen. Etwas fahrlässig daran finde ich, dass er die Mehrheitsverhältnisse nun auch einschätzen kann, mit der Aussage folglich falsche Hoffnung bei den auf Organtransplantation wartenden Patienten weckt. Meine Hoffnung zielt darauf, die Möglichkeiten auf der Basis der bestehenden Gesetzeslage besser auszunutzen.

 

Karl Lauterbach, SPD:

„Wer nicht spenden will, muss vorher ‘Nein’ sagen. Notwendig wäre ein Register, in das man sich eintragen kann, wenn man nicht bereit ist, zu spenden“

 

(Unionund AfD nicht angefragt)

 

Aktuelle Forderungen/ Entwicklungen seit Januar 2018 (Vorliegen der bisher schlechtesten Spenderzahlen (aus 2017)):

 

 

II Bewertung

Nur das Zusammenwirken zwischen der bundesweiten Freistellung der Transplantationskoordinatoren in den Entnahmekrankenhäusern und der Einführung der Widerspruchslösung durch eine Novellierung des deutschen Transplantationsgesetzes können eine wesentliche Verkürzung der Wartezeiten auf ein Organ und somit eine Reduzierung der Anzahl von ca. drei Toten pro Kalendertag bewirken.

 

Durch die Widerspruchslösung kann jede Person, die aus welchen Gründen auch immer keine Organspenderin sein will, sicherstellen, dass sie dies nicht wird: durch das Einlegen eines Widerspruchs, idealerweise in einem noch zu schaffenden Register.

 

III Forderung

Wir fordern die Einführung der sog. Widerspruchslösung im Rahmen einer Novellierung des Transplantationsgesetzes.

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