Suche
zur Übersicht

Erwiderung/ Ergänzung zu:

„Wie der Organspendemangel behebbar ist – Vielen wird gegeben, niemandem genommen“

Als Mitglied einer Nieren-Selbsthilfegruppe und Interessiertem an den diese Erkrankung betreffenden Fragen (selbst nierentransplantiert 1985, davor zwei Jahre Dialyse) kenne ich diese Forderung und die damit verbundenen Hoffnungen bestens. Ich teile sie jedoch nicht, da meine eigenen Beobachtungen zu anderen Standpunkten geführt haben.

 

Das Problem an meinem Standpunkt ist, dass es vor allem von den Medizinern wenig eindeutige Stellungnahmen gibt, man sich also aus Indizien die Situation zusammenreimen muss. Es begann damit, dass mein Nephrologe mir vor einigen Jahren erzählte, er sei selbst früher während seiner Krankenhauszeit an Beratungsgesprächen für Angehörige von Hirntoten bzgl. Organspende beteiligt gewesen. Die Regel sei gewesen, dass zwischen 2/3 und 3/4 aller befragten Angehörigen einer Organentnahme zugestimmt hätten – ein Wert, der sich, so seine Meinung, als sehr konstant erwiesen habe. Ob das allerdings auch nach dem Organspendeskandal noch so ist, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls belegt die DSO auf ihrer Webseite ausgehend von einem Höchstwert von 575 Organspendern 2011 einen Rückgang auf 421 Organspendern 2016. Demnach hätte es mit den Werten meines Arztes gerechnet 2011 eine Gesamtzahl potenzieller Organspender von ca 750 bis 850 gegeben. Desweiteren ist zu bedenken, dass z.B. Spanien und Österreich viel höhere Organspenderzahlen haben als wir, obwohl sich ihr Gesundheitssystem, die Lebensbedingungen und viele andere Parameter menschlichen Lebens nicht sehr von uns unterscheiden.

 

Die Frage ist also zuerst, wieviele Hirntote es pro Jahr gibt. Dies wurde vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung zum Thema von einem Facharzt beantwortet: ca. 6.000 Hirntote bei ca. einer Million Todesfälle in Deutschland pro Jahr. Auch wenn klar ist, dass bei weitem nicht jeder Hirntote medizinisch gesehen als Organspender in Frage kommt, ist da eine deutliche Kluft zu den potenziellen ca. 800 Organspendern. Das spanische und österreichische Beispiel belegt, dass ganz andere Zahlen möglich sind.

 

Meiner Meinung nach nutzt unser Gesundheitssystem das vorhandene Organspenderpotenzial nur sehr schlecht aus. Es ist allgemein bekannt, dass nur die Hälfte der Kliniken mit Intensivstation (nur da gibt es hirntote Patienten wegen der erforderlichen Beatmung) sich an Organentnahmen beteiligen. Desweiteren hängen die Zahlen der Organentnahmen auch in den entnehmenden Krankenhäusern sehr stark vom persönlichen Einsatz des Personals ab – sehr aktive Krankenhäuser erreichen gute Werte. Und wenig aktive? Hier werden wohl wie bei den inaktiven Krankenhäusern die meisten Hirntoten zur Beerdigung durchgewunken!

 

Damit ist klar, dass eine Widerspruchslösung überhaupt nichts bringen und auch die Zahl der Organspender nicht erhöhen wird, denn unser Problem liegt vor der Frage nach der Einstellung zur Organspende: Die Krankenhäuser müssen dazu gebracht werden, jeden potenziellen Organspender zu erkennen und möglichst oft einen Organentnahmeprozess anzustoßen. Das würde die Zahlen der Organspender deutlich ansteigen lassen – ob dann später einer Transplantation zugestimmt wird, könnte bei ausreichend hoher Zahl potenzieller Organspender nahezu unerheblich werden.

 

Und warum funktioniert das System trotz der offensichtlichen Defizite in Deutschland so schlecht? Schwierig zu beantworten, da die öffentliche Analyse fehlt. Klar ist aber, dass die Bezahlung für Organentnahmen durch die Kassen unzureichend und nicht kostendeckend ist. Wie soll man dann erwarten, dass Krankenhäuser und auch die Ärzte, von denen das nur als Zusatz und nicht als bezahltes Kerngeschäft erwartet wird, hier so große Leistungen bringen? Solange Organmangel besteht, sollten Organentnahmen m.E. so bezahlt werden, dass sie für Krankenhäuser finanziell interessant sind. Nur dann werden die anderen Maßnahmen wie Organspendebeauftragte, Werbung für Organspende und von mir aus auch die Widerspruchslösung wirksam sein!

 

Ulrich Röcher

back to top

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Weitere Informationen in der Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen