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Wie der Organspendemangel behebbar ist

– Vielen wird gegeben, niemandem genommen

Persönliches

Ich bin seit fast genau 21 Jahren sehr erfolgreich nierentransplantiert und war vorher 2,5 Jahre an der Dialyse. Damals warteten ca. 10.000 Dialysepatienten in Deutschland auf ein Nierentransplantat, es wurden ca. 2.000 Nieren in Deutschland pro Jahr transplantiert. Dies bedeutete eine statistische durchschnittliche Wartezeit von 5 Jahren. Ich hatte also viel Glück, nur 2,5 Jahre auf meine Niere warten zu müssen. Ich erhielt diese Niere, nachdem zuvor ein Mensch verunfallt war und sein Hirntod festgestellt wurde, die Ärzte die Angehörigen in ihrer wahrscheinlich schwersten Stunde zu einer möglichen Organspende befragten und diese einer Organentnahme zustimmten.

 

Ich bin den Angehörigen und den fragenden Ärzten von damals unendlich dankbar.

 

Ich habe in meinem Beruf gelernt, dass es sehr nützlich ist, eine Idee, einen Gedanken, ein Projekt, einen Prozess positiv zu entscheiden, wenn es a) nützlich sein kann (nicht muss) und b) nichts Schädliches zu erwarten ist.

 

Die Anderen

Viele andere Dialysepatienten hatten oder haben nicht so viel Glück wie ich. Eine Freundin von mir wartet seit über fünf Jahren auf eine Niere. Mittlerweile ist fast allen Menschen in Deutschland bekannt, dass Tausende auf ein Herz, eine Lunge, eine Leber oder eine Niere warten. In 2016 wurden 718 Nieren gespendet.

 

Ursachen fehlender Organspenden

Ein Grund für diese Bekanntheit waren leider auch zwei Transplantationsskandale; Ärzte deklarierten Patienten als „kränker“ als sie tatsächlich waren, so gelangten diese in der Warteliste nach oben. Dies hatte und hat das Misstrauen von „Gesunden“ in das Transplantationsgesetz und den Transplantationsprozess weiter geschmälert. Nicht wenige Menschen befürchten, vorzeitig für tot oder hirntot erklärt zu werden, wenn Sie einen Organspendeausweis tragen.

 

Hier sind meines Erachtens die Krankenkassen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefragt. Mitgliederzeitungen und Kampagnen müssen die Prozesse erklären und auch darstellen, dass jede Person schon morgen auf ein Spenderorgan angewiesen sein kann.

 

Auch wenn mittlerweile gerichtlich festgestellt wurde, dass die betroffenen Ärzte sich nicht bereicherten, sondern „nur“ ihren Patienten helfen wollten: die Auswirkungen auf die Organspendenbereitschaft ist immens. Darüber hinaus wurden natürlich andere Wartende geschädigt, die auf der Warteliste nach unten rutschten.

 

Mittlerweile gibt es in allen größeren Krankenhäusern Transplantationsbeauftragte, die im Krankenhaus das Bewusstsein der Ärzte für mögliche Organspenden stärken und die organisatorischen Abläufe zugunsten von Transplantationen optimieren sollen. Allerdings sind meines Wissens deren Aufgabengebiete weder abschließend noch umfänglich beschrieben. Zusätzlich müssen sie meines Wissens diese Aufgaben meistens zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben erfüllen und Weiterbildung zum Thema selbst bezahlen.

 

Auch ohne Skandale und ohne Transplantationsbeauftragte gab es immer zu wenige Spender in Deutschland. Dies liegt auch an der gesetzlichen Regelung.

 

Transplantationsgesetze in Europa

In Dänemark, Großbritannien, Irland, Island, Litauen, den Niederlanden, Rumänien, der Schweiz und Zypern gilt die erweiterte Zustimmungslösung, d.h. der Verstorbene muss zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt diese nicht vor, können die Hinterbliebenen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden.

 

In Deutschland gilt die Entscheidungsregelung und sieht eine Zustimmung des Verstorbenen zu Lebzeiten vor. Allerdings werden Personen stärker mit einer Entscheidung konfrontiert. So werden in Deutschland krankenversicherte Personen ab 16 Jahren von ihren Krankenkassen oder Versicherungsunternehmen über Organspenden informiert. Sie erhalten dabei auch einen Organspendeausweis, in dem sie ihre Entscheidung -auch gegen Organspende- festhalten können. Liegt keine Zustimmung der betroffenen Person zu Lebzeiten vor, entscheiden die Familienangehörigen auf Basis des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.

 

Beiden Regelungen ist gemein, dass nur die, die einen Organspendeausweis besitzen, für Klarheit sorgen; und zwar egal, ob sie auf diesem Ausweis die Organspendebereitschaft bejaht oder verneint haben. Die meisten Menschen in Deutschland tragen keinen Organspendeausweis.

 

In Belgien, Luxemburg, Lettland, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn gilt die Widerspruchslösung, d.h. dort sind alle automatisch Organspender, wenn sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben.

 

In Estland, Finnland, Griechenland, Italien, Kroatien, Norwegen, Russland, Schweden und der Türkei gilt ebenfalls die Widerspruchslösung, allerdings können Hinterbliebene widersprechen.

 

In Frankreich, Schweden, Lettland, Liechtenstein und Zypern gilt die Informationslösung, d.h. dort sind auch alle automatisch Organspender, wenn sie nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Angehörige müssen über eine Organentnahme informiert werden, können jedoch nicht widersprechen.

 

Nur in Bulgarien gilt die Notstandsregelung, d.h. die Organentnahme ist immer zulässig, auch dann, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten einer Organentnahme widersprochen hat.

 

Vier Gruppen

Ich frage mich: Welchen Standpunkt können Menschen zum Thema Organspende einnehmen?

Ich gehe von vier möglichen Positionen aus:

 

  1. 1) Uneingeschränkte Zustimmung zur Organspende, getragen von Vertrauen in die Prozesse und von dem Wunsch, das Leiden von Familienmitgliedern, Freunden, Verwandten, Arbeitskollegen, Nachbarn oder auch Unbekannten zu lindern.

 

  1. 2) Gänzliche Ablehnung von Organspende, warum auch immer. Ich setze voraus, dass diese Menschen natürlich für sich auch (im Falle des Falles) eine Organannahme ausschließen.

 

  1. 3) Gleichgültigkeit. Sie wollen -oder können- sich nicht mit dem Thema beschäftigen, immerhin gehört der eigene Tod zu diesen Überlegungen dazu. Wer beschäftigt sich gerne mit dem eigenen Tod?

 

  1. 4) Unsicherheit, jedoch das Bewusstsein, dass er bzw. sie zukünftig eine Grundsatzentscheidung treffen will.

 

Mir ist noch eine fünfte Gruppe eingefallen, ich habe mich jedoch entschieden, sie nicht in die Aufzählung zu nehmen. Die fünfte Gruppe könnte nicht nur für sich, sondern auch für andere keine Organtransplantationen wollen. Welche Begründung könnte man dafür anführen? Mir fällt keine ein.

 

Sehr interessant ist für den einen oder anderen Leser auch die Einstellung der Kirche zum Thema Organspende: Organspende ist ein letzter Akt der Nächstenliebe.

 

Die Forderung

Vor dem Hintergrund dieser vier möglichen Standpunkte fordere ich eine Gesetzeslage wie z.B. in Frankreich und Schweden:

 

Jede Person ist grundsätzlich Organspender, außer: sie hat zu Lebzeiten erklärt, kein Organspender sein zu wollen. Angehörige können nicht widersprechen.

 

Welchen Nutzen bzw. welchen Schaden würden die o.g. vier Personengruppen bei einer solchen Gesetzeslage haben?

 

Die erste Gruppe wäre damit höchstwahrscheinlich uneingeschränkt zufrieden.

 

Die zweite Gruppe würde sich in das -natürlich noch zu schaffende- Transplantationsregister als „Ablehner“ eintragen (lassen).

 

Der dritten Gruppe wäre es sehr wahrscheinlich gleichgültig.

 

Die vierte Gruppe kann sich ebenfalls in das o.g. Register als „Ablehner“ eintragen (lassen) und nach getroffener Entscheidung ggf. wieder austragen (lassen).

 

Für wen wäre eine solche gesetzliche Regelung schädlich?

 

Ich kann niemanden erkennen. Alle Gruppen können ihre Interessen wahrnehmen bzw. schützen. Niemandem wird etwas genommen.

 

Für wen wäre eine solche gesetzliche Regelung nützlich?

Für alle, die auf ein Organ warten.

Für deren Angehörige, Freunde, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen.

Für das Gesundheitssystem, denn die Kosten dort würden sinken.

Für alle, die Klarheit schätzen.

Vielen wird gegeben.

 

Mir ist bewusst, dass es kein „Recht auf Organspende“ geben kann. Gleichzeitig möchte ich, dass die Menschen sich bewusst für oder gegen Organspende entscheiden.

 

Da jedoch niemand zu einer Entscheidung gezwungen werden kann, möchte ich wenigstens, dass die „Gleichgültigen“ den Wartenden zum Vorteil und nicht zum Nachteil gereichen.

 

Ich behaupte nicht, dass eine solche gesetzliche Regelung alle Probleme der Wartelisten (insbesondere die langen Wartezeiten) löst.

 

Ich behaupte jedoch, dass sie auf jeden Fall eine positive und damit wartezeitverringernde Wirkung hätte, weil die dritte, große Gruppe der „Gleichgültigen“ statistisch die Zahl der Organspender erhöht.

 

Mario Rosa-Bian

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